Galway und Rijeka: Kulturhauptstädte am Meer

Galway am rauen Atlantik und Rijeka an der milderen Adria: Was außer dem Meeresrauschen verbindet die beiden Hafenstädte, die in diesem Jahr Kulturhauptstädte sind? Ein Blick nach Irland und Kroatien.

Immer für ein Jahr trägt eine Stadt den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Es ist ein Jahr, in dem sich die Stadt mit etlichen Konzerten, Kunstausstellungen und Theateraufführungen von ihrer besten Seite präsentiert. 2020 sind es das irische Galway und das kroatische Rijeka, die Besucher einladen durch die alten Gassen zu streifen oder für einen Moment am Hafen zu verweilen und der rauschenden Stadt zu lauschen. Es sind vor allen Dingen das Meer und die Musik, die Galway und Rijeka in diesem Jahr verbinden. Zunächst ein kurzer Abriss der Geschichte der Kulturhauptstädte.

Wer bestimmt, welche Stadt Kulturhauptstadt wird?

Der Titel wird von der Europäischen Union verliehen, die für die Vergabe eine Reihe von Kriterien aufgestellt hat. Das Verfahren bis zur tatsächlichen Vergabe ist jedoch recht langwierig, da die EU zunächst nur die austragenden Länder bestimmt und innerhalb der Länder entschieden wird, welche Städte um den Titel der Kulturhauptstadt kandidieren. Momentan ist bereits für die nächsten 13 Jahre festgelegt, welche EU-Länder eine Kulturhauptstadt stellen werden. Im nächsten Jahr sind es sogar drei – neben Timișoara in Rumänien und Eleusis in Griechenland wird auch Novi Sad in Serbien der Titel verliehen werden, da künftig auch EU-Beitrittskandidaten regelmäßig teilnehmen sollen.

Die erste „Kulturstadt“, wie es zunächst hieß, war Athen. 1985 schlug die damalige griechische Kulturministerin das Programm vor – seitdem wurde daran immer wieder geschliffen und gepfeilt, seit 20 Jahren etwa nennen sich die Städte „Kulturhauptstädte“. Florenz, Paris und Valletta – sie alle wurden bereits als solche gewürdigt. In Deutschland wurde der Titel bislang an das damalige West-Berlin, an Weimar und an Essen vergeben. Ob eine Stadt größer oder kleiner ist, ist also nebensächlich. Wichtig ist, dass sie den Besuchern neue Perspektiven auf Europa ermöglichen kann.

Galway: Von der Fischer- zur Studentenstadt

Knapp ein Viertel der Einwohner Galways studieren an einer der beiden Universitäten der Stadt. In den vergangenen 30 Jahren verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf heute 80.000 Menschen, die in Galway leben. Die Stadt ist jung, laut und bunt, ständig in Bewegung. Das steht im starken Kontrast zu den Anfängen als kleines Fischerdorf, von dem kaum etwas überliefert ist, außer dass es im 9. Jahrhundert von Wikingern geplündert wurde. Es dauerte noch einige Jahrhunderte, bis die Stadt zu prosperieren begann – Auslöser dafür war der Bau einer Festung, der der Grundsteinlegung für Handelsbeziehungen mit Spanien oder auch Portugal glich.

Die lange Geschichte der Stadt spiegelt sich auch im Stadtbild wieder. Vereinzelt sind noch Reste der mittelalterlichen Stadtmauern erhalten und die Gassen sind mit Kopfstein gepflastert. Zwischen den traditionellen Pubs, in denen ab Beginn der Dunkelheit Irish Folk gespielt wird, treten tagsüber Straßenmusiker auf. Sogar der britische Sänger Ed Sheeran sang schon als Straßenmusiker in Galway. Ihn dort heute anzutreffen ist dann aber wohl weniger wahrscheinlich.

Ein erster Höhepunkt des Jahres 2020 mit seinen fast 2.000 geplanten Veranstaltungen ist der St. Patrick’s Day am 17. März. Der irische Feiertag wird in diesem Jahr etwa mit verschiedenen Lichtinstallationen gefeiert. Für den Sommer und Herbst sind zahlreiche, oft klassischerweise der Musik gewidmete Festivals geplant. Das vielleicht ungewöhnstlichste Festival ist jedoch das „Galway International Oyster Festival“ im September, das sich ganz der Auster und Meeresfrüchten widmet. Selbst wer erst einmal das Gesicht verzieht, wenn er an Meeresfrüchte denkt – mit dem Atlantik vor der Haustür ist die Hafenstadt sicher der richtige Ort, um den „World Oyster Opening Championships“ eine Chance zu geben.

 

Rijeka: Industrie-, Schiffbau-, Kulturhauptstadt

„Hafen der Vielfalt“: Unter diesem Motto präsentiert sich Rijeka. Seitdem die Stadt vor vier Jahren zur Kulturhauptstadt 2020 ernannt wurde, laufen die Vorbereitungen. Es sind mehr als 600 Events geplant, von einem „Festival der europäischen Kurzgeschichte“ von Ende Mai bis Anfang Juni bis zum „Porto Etno Festival of World Music and Gastronomy“ im September. Vielfältig sind die kulturellen Hintergründe der Musiker, die in der Hafenstadt zusammenkommen werden, um zwei Tage lang gemeinsam zu feiern. Wer bei einem Besuch einen Regentag erwischen sollte, darf sich eine Ausstellung über die jungen Jahre des österreichischen Malers Gustav Klimt nicht entgehen lassen. Deren deutscher Titel lautet: „Unbekannter Klimt: Liebe, Tod, Ekstase“.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass bereits die Kelten auf dem Gebiet des heutigen Rijeka lebten. Verdrängt wurden sie von einem Stamm der Illyrer, der von Rijeka aus in See stach, um als Seeräuber römische Handelsschiffe zu plündern. Wenn zunächst auch nur für die Seeräuber und erst viele Jahrhunderte später für die Industrie und den Handel, war der Hafen schon immer Dreh- und Angelpunkt der Stadt. So war der Schiffbau bis in das 20. Jahrhundert hinein ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt.

Neben dem Titel als Kulturhauptstadt hat Kroatien 2020 auch deshalb eine besondere Rolle innerhalb der EU inne, weil das Land zu Beginn des Jahres die EU-Ratspräsidentschaft übernahm.

 

Galway und Rijeka: Zwei bunte, kulturell vielfältige Städte, die sich als Kulturhauptstädte ein Stück weit neu erfinden. Zwei Städte, deren Gemäuer und Fassaden Geschichten aus mehreren Jahrhunderten erzählen können. Zwei Städte, die es sich sicherlich zu besuchen lohnt.

 

 

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